TRAUMJOB: DER WEG ZUM MXGP-MECHANIKER – TEIL 2

Um die Welt zu reisen und mit einigen der talentiertesten Fahrer der Welt zu arbeiten, während diese nach Weltmeistertiteln jagen, ist eine Karriere, von der viele träumen. Aber was genau macht einen Mechaniker aus, der für Jeffrey Herlings oder den frischgebackenen FIM-MX2-Motocross-Weltmeister Tom Vialle schraubt? Um das herauszufinden, sprechen wir im zweiten Teil dieses Blogs mit Wayne Banks und Harry Norton von Red Bull KTM Factory Racing – beide haben ihren Wohnort auf die andere Seite der Welt verlegt, um als Werksmechaniker tätig zu sein …

Wayne Banks – Mechaniker von Jeffrey Herlings
PC @RayArcher

Wayne Banks – Mechaniker von Jeffrey Herlings, 35 Jahre alt.

Der Australier Wayne Banks stieß zu Red Bull KTM, nachdem er für das Hitachi KTM-Satellitenteam und eine kleinere Mannschaft gearbeitet hatte. Seine Karriere im Grand-Prix-Sport begann 2009 und seit 2012 ist er Teil des Werksteams. Aktuell ist er der einzige Mechaniker der Gruppe, der mit zwei verschiedenen Fahrern (Jordi Tixier 2014 und Jeffrey Herlings) Titel gewinnen konnte. Waynes Weg begann zuhause. „Ich war in einer Werkstatt zuhause als Lehrling beschäftigt. Mein Service-Manager war einst Rennfahrer gewesen und kannte Leute in der Szene. Es war einfach Glück und das Timing stimmte – ich bewarb mich um den Job und bekam ihn“, so Banks. „Ich persönlich finde, dass es wohl besser ist, von der praktischen Seite zu kommen, hart gearbeitet und Erfahrung gesammelt zu haben. Dennoch kenne ich auch Leute, die studiert und sich die Zeit genommen haben, um auch die Theorie zu lernen.“

Banks arbeitet an Herlings’ Bike
PC @RayArcher

Es ist ein langer Weg von Australien zu den Werkstätten in Red Bull KTMs österreichischer Heimat und dem Ableger in Belgien. Auch die FIM-Weltmeisterschaft spielt sich hauptsächlich in Europa ab. Banks schaffte mit seiner freundlichen Art und den Kontakten, die er geknüpft hatte, den Sprung auf den europäischen Kontinent. „Es gab bereits einen Australier, der in Europa als Mechaniker für ein anderes Grand-Prix-Team tätig war, und dort wurde eine Stelle frei. Ich flog nach Europa und hatte einen Monat Zeit, mich einzuleben. Ich war noch nie in Übersee gewesen!“

„Es spielt eine große Rolle, welche Leute man kennt. Dadurch findet man heraus, wo und wann sich Möglichkeiten auftun“, fügt er hinzu. „Wenn man auf Werksniveau tätig ist, handelt es sich normalerweise um eine kleine Gruppe, und man muss auf eine Chance warten und entscheiden, was die beste Vorgehensweise ist. Manche Teams wechseln ihre Mechaniker regelmäßig aus, während andere auf die Atmosphäre, die Persönlichkeiten und das Arbeitsverhältnis setzen und die Mannschaft jahrelang nicht verändern.“

Jeffreys Crew beim Feiern eines Siegs im Frühjahr
PC @RayArcher

Waynes Werdegang und seine positiven Eindrücke bei KTM halfen 2019 dabei, den Weg für einen seiner Landsmänner zu ebnen …

Harry Norton – Mechaniker von Tom Vialle, 26 Jahre alt.

Harry Norton, das neueste Mitglied des Red Bull KTM-Teams, gab seine Anstellung bei KTM Australien in Sydney auf, wanderte aus und musste als Grand-Prix-Rookie alle Aufgaben seines neuen Jobs in wenigen Monaten erlernen. Seine Verbindung mit Tom Vialle ist eine der jüngsten bei KTM Motorsport, war aber von Anfang an stark. Erfolge stellten sich für Vialle und Norton schnell ein, aber der Australier musste viel Vorarbeit leisten … und auch mit dem Kochlöffel Geschick beweisen!

Harry Norton zeigt Tom Vialle seine Boxentafel
PC @RayArcher

„Ich fuhr Enduro-Rennen, als ich jünger war“, so Harry. „Ich stamme aus einer kleinen Stadt in Australien. Mit 15 schnupperte ich in die Arbeit bei unserem autorisierten KTM-Händler hinein und die Werkstatt bot mir noch in derselben Woche einen Job an. Ich machte eine vierjährige Lehre, was in Europa einer Mechanikerschule gleichkommt. Ich eignete mir mein Wissen also über eine Lehre an und später dadurch, dass ich meine eigenen Race-Bikes aufgebaut und jeden Tag in der Werkstatt gearbeitet habe. Dort war ich hauptsächlich für die Diagnose zuständig und führte ein Team von drei Leuten, die alle sehr jung waren. Ich wurde mit vielen Problemen konfrontiert und lernte die Wartung vieler verschiedener Bikes. Die Arbeit bei einem Händler ist aber ganz anders als die in einem Rennteam, wo du jedes Wochenende an demselben Bike arbeitest: Dort hatten wir alles von der KTM 1090 ADVENTURE bis zur 250 SX-F. Wenn du die mechanische Seite verstehst, kannst du Probleme lösen und mechanisch denken.“

Norton sieht zu, wie Vialle vor dem Rennstart mit seinem Vater spricht
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Norton schmiedete dann einen Plan, um dorthin zu kommen, wo er sein wollte: In der MXGP. „Jedes Jahr wurde ein Rennen der nationalen Motocross-Meisterschaft in meinem Bundesstaat ausgetragen. Rob Twyerould war der technische Direktor von KTM Australien. Mit 16 rief ich ihn an und fragte, ob ich zum Rennen kommen dürfte, um mit den Leuten abzuhängen und Kontakte zu knüpfen. So kam es, dass ich vier Jahre lang für das Werksteam BBQs zubereitete! Im fünften Jahr wurde mir ein Job angeboten und ich zog von Adelaide nach Sydney. So begann ich, im Motocross- und Enduro-Team zu arbeiten. Eines Tages erwähnte ich gegenüber Rob beim Mittagessen, dass ich gerne nach Europa gehen würde. Ich wollte mich weiterentwickeln und neue Dinge kennenlernen – vorzugsweise als Teil eines MXGP-Teams. Ich wusste, dass er in der nächsten Woche zum Werk in Österreich reisen würde. Ich glaube, es war während des Wochenendes des Motocross of Nations at RedBud im Jahr 2018, dass mich Dirk [Grübel, Red Bull KTM Team Manager] anrief und sagte, dass er meinen Lebenslauf gesehen, mit ein paar Leuten gesprochen hatte und mir die Chance geben würde, nach Europa zu kommen. Drei Wochen später war ich in Österreich!“

„Die Geschichte des Teams … ist unstrittig die beste im Fahrerlager. Ich war noch nie in Europa gewesen und kannte niemanden im Team. Ich wusste nicht einmal, wer Tom Vialle war! In gewisser Weise war das gut so. Ich hatte keine vorgefassten Meinungen oder Vorstellungen über Europa. Ich kam mit einer offenen Einstellung an. Als Kind hatte ich von diesem Job geträumt. 2004 hing ein Bild von Ben Townley an meiner Wand. Ich erinnere mich daran, dass ich dachte ‚da will ich eines Tages auch sein …‘. Ich stamme aus einer Kleinstadt. Meine Chancen, nach Europa zu kommen und diesen Job zu bekommen, waren mikroskopisch.“

Norton und Vialle in der Box – Norton sagt, dass Offroad-Motorräder seine Leidenschaft sind
PC @RayArcher

Wieder einmal hatten sich harte Arbeit, Fleiß und die Fähigkeit, proaktiv Kontakte zu knüpfen, bezahlt gemacht.

„Ich hatte das Glück, mit Rob auf der technischen Seite als Lehrling arbeiten zu können. Er öffnete mir die Tür bei KTM Australien, ist ein guter Freund von Dirk und flog seit 18 Jahren regelmäßig ins Werk. Ohne ihn wäre es für mich wesentlich schwieriger gewesen, diese Stufe zu erreichen“, erklärt Harry. Wie Properzi glaubt auch Norton, dass es eine Sache gibt, die für diesen so begehrten Job absolut notwendig ist, aber nur von wenigen verstanden wird. Und noch weniger sind bereit, dieses Opfer zu bringen.

„Ich hatte eine allgemeine Leidenschaft für Offroad-Motorräder“, fasst Norton zusammen. „Mein Leben drehte sich nur um sie – und tut es immer noch. Allen, die einen solchen Job haben wollen, würde ich Folgendes sagen: Bewahrt euch eure Leidenschaft, ergreift Chancen, wenn sie sich bieten, und zeigt, dass ihr bereit seid, auch weniger wichtige Aufgaben zu machen. Und macht diese gut. Leidenschaft zeigt sich in allem. Immer.“